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Ein Erlebnis der besonderen Art ist eine Behandlung in der Notfallabteilung des Kantonsspitals Aarau. Ich habe das am Neujahrstag live erlebt. Eintritt am Morgen um 7.00 Uhr, Behandlung um 16.30 Uhr, out um 20.20 Uhr... nach über 13 Stunden also.
In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar 2007 produzierte ich einen Gichtschub im linken Knie. Die Schmerzen wurden immer stärker, um 6.00 Uhr morgens war ich ausserstande, das Knie zu belasten und es war dick angeschwollen. Da ich das nicht das erste Mal hatte, wusste ich auch, was zu tun ist. Wir fuhren also in das Kantonsspital Aarau, um das Knie zu punktieren weil wir dachten, dass mein Hausarzt nicht sonderlich begeistert von einem Anruf zu diesem Zeitpunkt wäre. 07.10 Anmeldung. Sehr nett und speditiv und kompetent, die Dame hat mir gleich einen Rollstuhl angeboten, als sie sah, wie ich mich da reingeschleppt habe. In der Notfallstation auf eine Untersuchungs-Liege gelagert, eine Pflegefachfrau gab mir ein Panadol und brachte ein Kissen für die bessere Lagerung. So lange ich das Knie nicht bewegte, waren auch die Schmerzen einigermassen erträglich. 08.15 Eine Ärztin erscheint, bestaunte das Knie und meinte: "Ja, das ist geschwollen." Ich bewunderte ihre treffsichere Diagnose und bat darum, dass man das Knie punktiere, weil das das Einzige sei, was helfe. Flüssigkeit raus, Cortison rein, haben meine Hausärzte schon ein halbes Dutzend Mal gemacht, immer mit guter und schneller Heilwirkung. - Die Ärztin sah ich nie wieder. Die nette Pflegefachfrau erkundigt sich, ob schon was gehe und als ich verneinte meinte sie, es sei halt Neujahr und viel los auf der Notfallstation. Das glaubte ich ihr auch und hatte auch Verständnis dafür, dass die im Suff auf die Nase gefallenen auch versorgt werden müssen. 10.15 Zwei junge Ärzte erscheinen an meiner Liege, ein halb ausgebildeter und ein viertel ausgebildeter. Der etwas Ältere war natürlich der Wortführer, setzte eine kompetente Miene auf und fing an das Knie zu ertasten. Ich sagte: "Ist ein Gichtschub, tut saumässig weh und das Knie muss punktiert werden und Cortison rein. Habe ich schon ein paar Mal mitgemacht." - Er hat sich aufgeplustert und von sich gegeben: "Ja wohin denken Sie, ja kein Cortison, da würde man nur eine Riesenschweinerei veranstalten." Und weiter: "Ich bin mir gar nicht so sicher, ob das wirklich eine Entzündung des Knies innen ist, könnte auch äusserlich sein. (So ein Schwachsinn) Das muss sich erst ein Orthopäde anschauen, bevor wir das machen." Kurz vor 12.00 Uhr: Die beiden Ärzte erscheinen erneut und erkundigen sich nach dem Befund des Orthopäden. "Den habe ich noch nicht zu Gesicht bekommen." - "Ja, Sie müssen jetzt einfach Geduld haben. Es ist Neujahr und wir tun was wir können." Weil Christa und ich noch nicht gefrühstückt haben, erkundigte ich mich, ob man da irgendwo ein Sandwich kaufen könne oder so. Ich meinte z.B. in der Cafeteria, über die ein Spital normalerweise verfügt. Die Antwort, kaltschnäuzig/borniert: "Ihre Frau kann ja was besorgen, wir können nicht auch noch dafür schauen!" Depp, dachte ich, wir haben ja nicht um Room Service gefragt, sondern wo es eine Einkaufsmöglichkeit gäbe. 13.15 Der Orthopäde erscheint und tastet das Knie ab: "Ja, das ist wirklich geschwollen!" Ich sagte: "Ist ein Gichtschub, tut saumässig weh und das Knie muss punktiert werden. Habe ich schon ein paar Mal mitgemacht." Der Orthopäde wollte das nicht so recht glauben und kam dann auf die Idee der Anfertigung eines Röntgenbildes. Ich bin nicht Mediziner, aber dass man eine Entzündung auf einem Röntgen nicht sieht, das wusste selbst ich. Christa hat mit grossem Erfolg drei Sandwiches ergattert und wir dankten der Cafeteria, dass sie auch an Neujahr zur Stelle waren. Schon um 14.00 Uhr wurde ich ins Röntgen gekarrt wo die Röntgenassistentin ihrer Aufgabe waltete und zwei schöne Aufnahmen anfertigte. Die beiden Azubi-Ärzte kommen schon um 14.30 Uhr und ich fragte nach dem Resultat. "Man sieht nichts, ausser einer beginnenden Arthrose." Ich hab gedacht, was habt ihr denn erwartet? Es ist eine Entzündung, verdammt, punktiert das Ding endlich! "Und der Orthopäde ist sich nicht so sicher, ob das äusserlich ist, er hat angeordnet, dass noch ein Ultraschall gemacht wird. Aber diese Untersuchungsärztin ist sehr beschäftigt, Sie müssen einfach Geduld haben." Habe ich ja, ich verstehe, es ist Neujahr. Dann sagte ich: "Üblicherweise kann ich die Schmerzen mit Ponstan und Olfen lindern." - "Ja kein Ponstan!!! Auch kein Olfen. Das interferiert mit der Blutverdünnung! Auch sonst keine Schmerzmittel mit dieser Wirkstoffgattung. Haben Sie verstanden? Kein Ponstan!!! Auch kein Algofor!!!" Ich habe verstanden, ich bin ja nicht blöd. Bekommen und verschrieben habe ich dann Tramaltropfen, die zwar auch halfen, aber mich ausser Betrieb setzten. 15.15 Was für ein Glück, kommt eine nette Pflegefachfrau ins Zimmer gestürzt, wir können ins Ultraschall! Die untersuchende Ärztin erkennt mit geschultem Auge augenblicklich , dass es sich einwandfrei um eine Entzündung im Knie handelt, man würde die Flüssigkeit deutlich sehen. Hat mich auch nicht erstaunt, das wusste ich schon morgens um 4.00 Uhr. Ein neuer Arzt tritt auf den Plan. Er macht einen kompetenten Eindruck und sagt: "Herr Steinegger, ich nehme die Sache jetzt selber an die Hand. Wir punktieren das Knie!" Ich hätte ihn küssen können. Ich wurde wieder ins Aufnahmezimmer gerollt. 16.15 Uhr Der Arzt erscheint und meinte "wir fahren Sie jetzt in ein Behandlungszimmer, dort werden wir das Knie punktieren." Toll, dachte ich, endlich.... So bin ich um 16.30 Uhr im Behandlungsraum angekommen und der Arzt erscheint mit zwei Jungs, die wahrscheinlich beide noch vor dem Staatsexamen standen. Nun hat sich der Arzt, der zu mir vorher noch recht freundlich war, in Pose geworfen wie der grosse Zampano. "Also schaut her! Das ist ein Gichtschub, Flüssigkeit hat sich im Knie gebildet und wir punktieren das!" Mittlerweilen haben alle Mundschutz-Masken übergezogen. "Gleich vorweg: das muss unter äusserst sterilen Bedingungen erfolgen, das ist dann keinesfalls eine Angelegenheiten für eine Hausarztpraxis, so zwischen Tür und Angel!" Danach begann er, sein Werkzeug auszubreiten. Er erklärte mir, dass er erst ein kleines Schnittchen machen werde, damit ja keine Haut ins Knieinnere gelangen würde, weil das zu einer Infektion führen könnte. Mach was du willst, dachte ich, aber mache! Nun befahl er dem ersten Lehrling, die Nadel auszupacken. Der klaubt die Verpackung mit zittrigen Händen auseinander und zieht die Nadel irgendwie falsch herum raus. "Quatsch," brüllt der Arzt den Jungen an "so geht das nicht, damit ist die Nadel schon nicht mehr steril." Ok, neue Nadel, diesmal klappt es zur Zufriedenheit. Der andere Lehrling darf nun ein Skalpell auspacken. Beim Auspacken fällt es ihm zu Boden, er war wahscheinlich wegen des Anschisses des ersten arg unter Stress. Damit war das Skalpell logischerweise nicht mehr steril, ein neues musste her. "Herr Kollega, wir haben kein Skalpell mehr" stammelte der Lehrling. "Das gibts doch nicht, sucht da in den Schränken!" Die beiden Lehrlinge suchten und suchten, vergeblich. Am Schluss kam man auf die Idee, sich in der Chirurgie eins zu borgen. (Noch eine kurze Anmerkung zu den theatralischen Ausführungen des Arztes an seine Untergebenen von wegen Sterilität... Die Behandlung fand im Gipszimmer statt, was wahrscheinlich eine Stufe steriler ist als die Damentoilette auf der Etage.) Das Skalpell erscheint, der Arzt schreitet zur Tat. Ein Schnittchen, das Einführen der Spritze... ich weiss ja, dass man das ein wenig spürt. Aber dieser Grobian stochert in meinem Knie herum, voll auf die Knochen, ich habe vor Schmerz fast eine varietémässige Levitation über die Liege gemacht. Das Prozedere schien mir endlos, weil es wirklich sehr, sehr weh tat. Das hat es bei früheren Behandlungen der Hausärzte eigentlich nie. Endlich, der Saft war draussen und das Knie fühlte sich erleichtert. "Wir werden jetzt eine bakteriologische Untersuchung machen, um festzustellen, ob es einen "Käfer" drin hat. Wenn ja, dann müsste man dann stationär eine Spülung machen. Aber heute ist kein Bakteriologe da, wir holen einen aus dem Pikettdienst." Der wird sich freuen, dachte ich, aber macht mal. Ich erklärte, dass ich eine allfällige Spülung dann lieber im Spital Schwyz machen würde, weil ich dort Angehörige hätte und in Aarau niemanden. "Kein Problem, das können Sie problemlos. Wir verlegen Sie dann." Denkste, wir verlegen uns selber! Hätte er noch die REGA mobilisiert für diesen Akt? Fünf Minuten war ich wieder im Aufnahmezimmer, da kam die Pflegefachfrau (die dritte mittlerweilen, weil die ersten beiden, die ich erlebt habe, hatten längst Schichtende) und erklärte, sie bräuchten jetzt das Zimmer und lagerte mich im Korridor ein. Zur Dekoration stellte sie zwei Paravents um das Bett. So verbrachte ich die Zeit zwischen 18 und 19 Uhr auf dem Korridor und konnte dem munteren Treiben zusehen, was da herrschte. Nun verstand ich auch, warum dieser Laden hier nicht funktionierte. Da kamen Laborresultate in die "Kommandozentrale" die niemanden zu interessieren schienen, da kamen Röntgenbilder, die niemand anschaute. Ein Arzt taucht auf und gleich wieder ab. Eine Schwester läuft mit einem Papier in der Hand den ganzen Korridor ins hinterste Zimmer links, gleich danach wieder zur Einsatzzentrale, zwei Minuten später mit einem anderen Papier in das hinterste Zimmer rechts, dann wieder nach vorne. Ich dachte, die trainiert sicher für den New York Marathon, aber sehr effektiv arbeiten tut sie nicht. Das Ganze war "Big Smoke But No Fire"! Um 19.20 Uhr kommt der Arzt und erklärt freudestrahlend: "Gute Nachrichten! Es ist kein Käfer im Saft gewesen. Somit ist lediglich eine Nachuntersuchung durch den Hausarzt notwendig." Ich sagte: "Ok, mach ich morgen gleich. Vielen Dank für die Behandlung. Können wir gehen?" Nochmaliges Brustschwllen des Arztes "Nein, nein, das geht ich muss den Befund erst mit dem Oberarzt besprechen" Ich schnaubte: "IST DER IM HAUS?" - Antwort: "Das weiss ich nicht, sorry, aber ich kontaktiere ihn." Ich dachte, mein Schwein pfeift und begann einen Fluchtplan auszuhecken. Christa fährt vor, sie klaut einen Rollstuhl, setzt mich drauf, rennt den Korridor nach draussen und schmeisst mich ins Auto, dessen Motor schon läuft..... so in etwa. Und weil ich ein geduldiger Mensch bin sagte ich bloss: "Christa, fahr den Wagen schon mal vor!" weil parkiert hat sie ja in einer anderen Strasse müssen. 20.15 Uhr: Der Arzt erklärt mir, dass ich gehen könne, aber unbedingt zur Nachkontrolle am anderen Tag gehen müsse. 13 Stunden sind verstrichen (in Worten dreizehn) seit der Aufnahme und das zur Punktierung eines Knies. * * * Am nächsten Tag konnte ich in Schwyz einen Termin bei Dr. XY vereinbaren, der mich freundlich empfing und das Knie untersuchte. Er meinte: "Scheint ein wenig nachgefüllt zu haben, ich werde es nochmal punktieren." Ich erzählte schmunzelnd vom Auftritt des grossen Zampanos und seinen Aussagen zu Sterilität, Hausarztpraxis und von wegen und Gipszimmer und so. Er lachte verständnisvoll. Die Story mit dem Skalpell und dem Schnittchen gab ich auch noch bekannt, worauf er meinte: "also das macht man schon längst nicht mehr. Weil DANN haben wir die Chance einer Infektion." Er punktierte das Knie also, behutsam und feinfühlig und entsprechend habe ich praktisch nichts gespürt. So ginge es also auch, dachte ich mir. Ich fragte ihn, was er von der ganzen Sache in Aarau hält. "Wissen Sie, wenn ich die Arroganz von Spitalärzten hätte, würde ich jetzt meine Meinung kund tun.." lächelte er verständig. Ok, ist auch eine Aussage, die ich nachvollziehen konnte. (Anm. Dies kann ich aber im Fall des Spitals Schwyz keineswegs für gültig erklären, die dortigen Ärzte sind, soweit ich mit ihnen Kontakt hatte, äusserst kompetent, einfühlsam und zuvorkommend.) "Und was haben Sie gegen die Entzündung erhalten?" Ich: "Nichts, ausser Tramal. Früher habe ich die Sache jeweils mit Ponstan und Olfen hingekriegt..." Er: "Also ohne entzündungshemmende Medis gehts kaum. Ich gebe Ihnen Ponstan mit. Ist immer noch ein sehr verlässliches und wirkungsvolles Medikament." Ich dachte, ich höre nicht recht, nach dem energischen Verbot des Spitalarztes. Ich machte auf die Blutverdünnung aufmerksam und Dr. XY meinte lachend: "Bei ihrer geringen Verdünnung, 1.5 INR, das erträgts noch alleweil. Da müsste eine rechte Dosis kommen, dass das ein Problem würde. Dafür können Sie das Tramal wieder absetzen, das bringt ja nichts." Ponstan dankbar entgegengenommen und siehe, schon am Nachmittag gings besser. Am nächsten Morgen praktisch schmerzfrei. Nach ein paar Wochen kriegte ich eine Abrechnung meiner Krankenkasse die besagte, sie hätten für Leistungen des Kantonsspitals Aarau CHF 875 überwiesen. Ich musste mich sehr beherrschen, nicht an die Decke zu springen. So kann man es auch machen, dreizehnstündige Behandlungszeit und unnötige Untersuchungen. Die Kosten des Gesundheitswesens werden verständlich dadurch. Noch eine Bemerkung zur Organisation. Es ist klar, dass sowas viel länger dauert, wenn man mit der untersten Qualifikationsstufe des medizinischen Personals anfängt, den Patienten zu behandeln. Die haben die Erfahrung ja nicht und müssen alles nachfragen gehen. Richtig wäre, dass die Top-Koriphäe von Arzt käme und kompetent anordnen würde, was zu tun sei. Das übrige könnten dann die Assis und Azubis ja schon, sofern es ihnen gelingt, eine Nadel steril auszupacken und das Skalpell nicht auf den Boden zu schmeissen. Das Ganze ist authentisch, nicht übertrieben und kann durch Zeugen belegt werden. Ist "Skandal" eine Ubertreibung? |